Redebeitrag in Gedenken an die Opfer des NSU

Am 21. November 2017 fand in Magdeburg die Gedenkveranstaltung „In Erinnerung an die Ermordeten & Hinterbliebenen des NSU“ statt. In diesem Rahmen hielten wir einen Redebeitrag. Dieser ist im nachvolgendem dokumentiert.

Rassismus geht nicht nur von Rechtsradikalen aus

Vor zehn Jahren setzte die Mordserie des NSU aus. Die Polizistin Michèle Kiesewetter wurde erschossen, ihr Kollege lebensgefährlich verletzt. Genauso wie bei den anderen Opfern des NSU, der Bombenanschläge als auch der Ceska-Morde, waren auch diese Ermittlungen von zahlreichen Pannen begleitet. Trotz der Unterschiede, einerseits eine biodeutsche Polizistin, andererseits hier heimische Gewerbetreibende mit oder ohne deutschen Pass, aber von Rassisten als „Fremd“ markiert, trotz dieser Unterschiede gibt es eine Gemeinsamkeit, die ins Auge sticht. In all diesen Fällen wurde gegen Minderheiten ermittelt. Im Falle Kiesewetters gegen Sinti und Roma, die sich zufällig in der weiteren Umgebung aufhielten und mit der Hartnäckigkeit der entsprechenden rassistischen Vorurteile.

Doch während der Familie Kiesewetters die Bürde des Verlustes eines ihnen geliebten Menschen oblag, mussten hingegen die Familien von Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat nicht nur den traurigen Tod ihres Sohnes, Bruders, Vaters, Ehemanns bewältigen, sondern gleich auch eine weitere Bürde tragen. Ihre Angehörigen und sie selbst wurden nicht als Opfer anerkannt, sondern als Täter verunglimpft. Und das über Jahre hinweg.

Die Voreingenommenheit, die nichts anderes als sichtbarer Alltagsrassismus ist, wird in den Bezeichnungen, die Polizei und Medien wählten sichtbar. Die Ermittlungsgruppe hieß Bosporus, obwohl die Morde und Gewalttaten an Rhein, Ruhr, Pegnitz und Elbe stattfanden.

Die Medien wählten den Begriff Döner-Morde – den nicht ein Boulevard-Blatt, sondern die Nürnberger Zeitung kreierte – und den die dpa weiter verbreitete.
Hört man den Opfern zu, so berichten sie fast identisch, wie die Ermittler sie oder ihre ermordeten Angehörigen beschuldigten und wahllos mit Vorwürfen wie Schutzgeld-Erpressung, Drogenhandel und angeblichen Mafia-Kontakten konfrontierten. Dass eine Familie mit ausländischer Herkunft sich lediglich ein friedliches Leben aufgebaut hat, aus dem sie durch die Gewalttat entrissen wurde, war scheinbar für die meisten Ermittler nicht vorstellbar. Jegliche Hinweise auf eine rechtsextrem motivierte Tat wurden in den Wind geschlagen, in diese Richtung wurde nicht ernsthaft ermittelt.

Und selbst nach der Selbstaufdeckung des NSU, nach einem Scheitern eines ihrer Raubüberfälle, selbst im Rahmen der juristischen Aufbereitung, wurden die Wünsche der Angehörigen der Opfer nicht berücksichtigt. Die Fragen nach dem Umfeld und dem Netzwerk des NSU werden nicht gestellt. Die Bundesanwaltschaft hält eisern an ihrer Trio-These fest; Angehörige im Zeugenstand werden gemaßregelt, wenn sie erstmals ihre Perspektive schildern können und wollen; Anträge der Nebenklage wurden abgelehnt. In Untersuchungsausschüssen wurde allzu oft das angebliche Staatswohl vor die Aufklärung gestellt.

Die unbequeme Wahrheit ist, dass Rassismus nicht ein exklusives Gut von gewaltbereiten Neonazis ist. Die traurige Wahrheit ist, dass die Saat von Vorurteilen und Rassismus jeder von uns in sich trägt. Rassismus findet im Alltag statt. Rassismus findet strukturell statt. Rassismus kann auch klein und unscheinbar sein. Rassismus fängt auch dort an, wo Opfer allein aufgrund ihrer ethnischen Herkunft einer Mitschuld verdächtigt werden. Rassismus ist auch dort präsent, wo starr an einer Tathypothese wider aller Indizien festgehalten wird. Rassismus ist auch dort, wo in Überschriften und Artikeln Vorurteilen der Vorzug gegeben wird, statt den Leiden der Hinterbliebenen. Rassismus ist auch dort, wo die Opfer als Fremde, Ausländer, als das Andere tituliert werden. Rassismus ist auch da, wo jeder Regung der Angeklagten mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als den Erlebnissen und Hintergründen der Opfer. Und ja, Rassismus begleitet auch den Fall Oury Jalloh.

Die Frage des Alltagsrassismus und des strukturellen Rassismus ist unangenehm, denn es sind nicht nur die irrgeleiteten Kameraden, die krakeelenden Rechtspopulisten, sondern vielleicht unsere Kolleg*innen, Nachbar*innen, Vorgesetzten, Freund*innen oder vielleicht auch wir selber.

Rassismus als breite gesellschaftliche Realität zu sehen, zu reflektieren und Verantwortung dafür zu übernehmen, ist aber der erste Schritt, um Rassismus zu bekämpfen. Nur so entziehen wir den Nährboden, auf dem in letzter grausamer Konsequenz die Mordserie und die Bombenanschläge des NSU möglich waren.

Das sind wir den Opfern und Hinterbliebenen der NSU-Gewalttaten schuldig, das sind wir